Am Ort der Ausstellung sind in der ehemaligen Aula die Ergebnisse einer von Uwe Warnke und Lutz Wohlrab organisierten, durchgeführten und abgeschlossenen aktuellen, internationalen Mail-Art-Aktion unter dem Titel 20 years since the Fall of the Wall / mail art was underground but what about today während der Ausstellungsdauer zu sehen. Ca. 400 Postkarten von 209 Teilnehmer aus 37 Ländern sind ausgestellt.


Mail Art ist Kunst ist Kommunikation. Sie erfährt heute mehr Zuspruch denn je, was sich schon an den steigenden Teilnehmerzahlen bei Projekten, wie auch bei unserem aktuellen 20 Years since the Fall of the Wall, ablesen lässt. Mail Art war und ist Underground-Art, doch sie steht längst auf einem soliden Grund. Sie ist also einerseits ein durchaus lebendiges Phänomen, andererseits besaß sie ihre größte politisch-ästhetische Brisanz unbestritten während der Zeit der Entspannungspolitik von 1974 bis zum Mauerfall 1989. Mail Art war in der DDR eben nicht nur künstlerische Kommunikation per Post und ein Tor zur Welt, sondern sie war eine subversive Praxis gegen den totalitären Machtanspruch der herrschenden Kommunisten.

Kunsthistorisch wird der Ursprung der Mail Art heute in Ray Johnsons Gründung der New York Correspondance School 1962 gesehen. Fluxuskünstler wie er und Ben Vautier oder Joseph Beuys zählen zu den Mail Artisten der ersten Stunde. Den Begriff "Mail Art" selbst prägte Jean-Marc Poinsot. Für sein Projekt Mail Art - Communication a Distance Concept bat der französische Kunstwissenschaftler verschiedene Avantgarde-Künstler 1971 um einen künstlerischen Beitrag per Post. Das war also noch kein echtes Mail Art-Projekt, bei dem jeder mitmachen kann. Bald folgten weltweit aber die typischen thematischen Projekt-Aufrufe mit der einfachen Grundregel: No jury, no fee, no return, documentation to all participants. Solche Dokumentationen bzw. Adresslisten, wie sie das kanadische File-Magazine ab 1972 enthielt, waren und sind die Voraussetzung für weitere Projekt-Ausschreibungen. Die beiden polnischen Künstler Jaroslaw Kozlowski und Andrzej Kostolowski verschickten ihr Manifest Net nebst Adressliste ebenfalls 1972.

Robert Rehfeldt (1931 - 1993) war der erste in der DDR, der am künstlerischen Austausch der Mail Art partizipierte. Der umtriebige Pankower Künstler machte Joseph W. Huber aus dem Prenzlauer Berg mit der Correspondence Art bekannt.
Stadtbezirksgrenzen spielten in der Mail Art natürlich keine Rolle, abgesehen von den Westberliner Bezirken. Für eine Ausstellung im Prenzlauer Berg-Museum stellt es sich jedoch als reizvoll dar, einmal nur auf die Prenzlauer Berger einzugehen, denn der Prenzlauer Berg hatte eine erstaunlich hohe Mail Artisten-Dichte. Mindestens zehn von den etwa achtzig Mail Artisten der DDR wohnten immerhin dort: Joseph W. Huber, Karla Sachse, Bogomil Helm, Grischa Meyer, Volker Kraft, M. P. Anker, Sal-Gerd Beyer, Lutz Wohlrab, Reinhard Schmidt, Oskar Manigk, Reinhard und Franziska Pfeiffer. Aber auch zwei besondere Ereignisse fanden im Prenzlauer Berg statt. Als Auftakt kann die Mail Art-Ausstellung aus dem Rehfeldt-Archiv 1979 in der ersten privaten Galerie von Jürgen Schweinebraden in der Dunckerstraße 17 gelten. Das Berliner Treffen des 2. Dezentralen Internationalen Mail Art- und Networker Congresses 1992 im ehemaligen Art Strike Café in der Käthe-Niederkirchner-Straße 34 markiert einen Endpunkt. Bei diesem post-DDR-Mail Art-Congress trafen immerhin 23 Mail Artisten aus Ost und West zusammen.

Der Offsetdrucker Joseph W. Huber (1951 - 2002) war damals im Zeichenzirkel Palette Nord von Robert Rehfeldt aktiv. 1977 startete er sein Mail Art-Projekt Nature is life, save it. Gleichzeitig begann er eine intensive Ausstellungstätigkeit und verbreitete satirische Motive auf Postkarten. Ab 1981 erhielt er verschiedene "Zulassungen" für seine künstlerische Tätigkeit, bevor er 1986 als Mitglied in den Verband Bildender Künstler der DDR aufgenommen wurde. Nach der Wende gründete er seine "edition Karte'll" und er gab weiterhin Postkarten heraus, die sich jedoch zunehmend schwieriger absetzen ließen. Ende der 1990er Jahre verkaufte er sein Mail Art-Archiv an das Staatliche Museum Schwerin. Als er sich im August 2002 das Leben nahm, konnte er wohl nicht ahnen, wie rasch die Nachfrage nach seinen Werken wieder steigen würde. Das Neue Museum Weserburg in Bremen zeigte 2008 eine erste große Retrospektive. 2009 waren seine Postkarten in der Ausstellung des Württembergischen Kunstvereins Subversive Praktiken. Kunst unter den Bedingungen politischer Repression in Südamerika und Europa in Stuttgart ebenso umfangreich präsent wie in der Ausstellung Übergangsgesellschaft der Akademie der Künste Berlin am Pariser Platz. Seine Post kam stets aus der Göhrener Straße 13, wo er seit 1977 gemeinsam mit seiner Frau Karla Sachse wohnte.

Karla Sachse wurde 1950 in Zschopau geboren. Sie studierte von 1969 bis 77 Kunstpädagogik an der Humboldt-Universität Berlin, wo sie später promovierte. Seit 1982 beschäftigt sie sich intensiv mit Mail Art, Straßenaktionen, Visueller Poesie, Rauminstallationen und Sprachräumen. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin an der Kurt-Schwitters-Oberschule verfolgt sie auch weiterhin vielfältige künstlerische Projekte. Sie zeigt, organisiert oder kuratiert Ausstellungen, veranstaltet Workshops oder wird dazu eingeladen und sie ist in vielen internationalen Ausstellungen präsent. Für Berlin schuf sie mehrere Denk-Zeichen im öffentlichen Raum, so das Kaninchenfeld am ehemaligen Checkpoint in der Chausseestraße oder das Fragenband am ehemaligen Gefängnis des NKWD und der Stasi in der Prenzlauer Allee.

Bogomil J. Helm wurde 1954 in Freiberg geboren. Er studierte von 1976 bis 1981 Kulturwissenschaften in Berlin. Anschließend war er an der Akademie der Künste tätig. Seit 1985 arbeitet er freischaffend in Berlin, heute als Mediengestalter. Um 1979 kam er über Joseph W. Huber mit der Mail Art in Kontakt. Damals wohnte er in der Pappelallee 76.
Grischa Meyer wurde 1950 in Berlin geboren. Er wohnte in der Kollwitzstraße und in der Senefelder Straße in Ladenwohnungen. 1979 entdeckte er die Mail Art für sich auf einer Reise nach Warschau. Bis 1982 studierte Gebrauchsgrafik an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. Bis heute arbeitet er als freiberuflicher Grafiker in Berlin.
Volker Kraft wurde 1953 in Bernburg geboren. Er wohnte damals in der Pappelallee 66, studierte später Industriedesign an der Burg Giebichenstein in Halle, wo er noch heute lebt und arbeitet. Michael Peter Anker wohnte in der Wichertstraße 68. Er initiierte 1980 sein erstes Mail Art-Projekt und gab 1981 die 38. Ausgabe der von Pawel Petasz gegründeten Commonpress unter dem Titel Save the Small Things heraus.

Sal-Gerd Beyer wohnte in der Gleimstraße 11. Zusammen mit Karim Saab (und unterstützt von Birger Jesch) von der Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua initiierte er 1984 das Mail Art-Projekt Nicaragua Hope and Politics, das zum am meisten ausgestellten Projekt in der DDR wurde. Es wurde in Kirchen in Leipzig, Halle, Erfurt, Leuna, Potsdam. Schwerin, Magdeburg, Dresden und Berlin gezeigt. Sal-Gerd Beyer arbeitete damals als Desinfektor am Krankenhaus Prenzlauer Berg und veranstaltete 1988/89 dort im Warteraum der Entlausung drei Ausstellungen mit Mail Art. Nach weiteren Arbeitsstellen ist er heute als Dokumentationsassistent wieder an diesem Krankenhaus angestellt.

Lutz Wohlrab wurde 1959 in Greifswald geboren, wo er von 1980 bis 1985 Medizin studierte, bis er zusammen mit seinem Freund Martin Bernhardt (1961 - 2000) aus politischen Gründen für drei Jahre vom Studium ausgeschlossen worden ist. Gemeinsam mit Dietrich Buhrow hatten sie ein Künstlerbuch hergestellt und eine Buchpremiere organisiert, bei der eine DDR-Fahne verbrannt wurde. 1985 zog Lutz Wohlrab nach Berlin und 1986 in die Prenzlauer Allee 210. Er arbeitet heute als Psychoanalytiker in eigener Praxis in Berlin-Weißensee und ist daneben auch künstlerisch tätig. 1994 gab er zusammen mit Friedrich Winnes das Buch Mail Art Szene DDR 1975 - 1990 heraus. Seit 2007 arbeitet er an einem internationalen Mail Artisten-Lexikon im Internet: http://mailartists.wordpress.com/
Durch ihn wurde Reinhard Schmidt, der damals in der Sredzkistraße 43 wohnte, mit der Mail Art bekannt gemacht. Reinhard Schmidt wurde 1956 in Steinach/Thüringen geboren. Er studierte von 1977 bis 1982 an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee Architektur. Im Sommer 1989 floh er über Ungarn nach Westberlin. Er ist bis heute als freier Architekt in Berlin tätig.

Oskar Manigk wurde 1934 in Berlin geboren. Er wuchs in Ückeritz auf Usedom auf und für ein Semester Gaststudent an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee(1956/57). Durch seine Freundschaft mit Robert Rehfeldt kam er Ende der 1960er Jahre mit Vorläufern der Mail Art in Berührung, später lernte er so auch die erste private Galerie von Jürgen Schweinebraden kennen. Dort erschien 1979 seine Edition von 20 Mail Art-Karten. Über 20 weitere Motive wurden 1988/89 von Lutz Wohlrab herausgegeben. 1987 stellten die beiden in den Räumen der r-g-Galerie in der Sredzkistraße 64 Manigks originalgrafische Mappe Über Sibylle her. Seit 1987 hat Oskar Manigk eine Nebenwohnung in Berlin, zunächst in der Conrad-Blenkle-Straße. 1993 wurde er erster Caspar-David-Friedrich-Kunstpreisträger, verbunden mit einer Museumsausstellung in Schwerin. 2005 erhielt der Maler den Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern für sein Lebenswerk. Oskar Manigk lebt und arbeitet bis heute in Berlin und Ückeritz und ist weit über diese Länder hinaus bekannt.

Reinhard Pfeiffer wurde 1954 in Saalfeld geboren. Nach einer Lehre übte er verschiedene Berufe aus, unter anderem arbeitete er beim Bildhauer Achim Kühn, wo er Zugang zur künstlerischen Betätigung fand. Seit 1981 ist Pfeiffer freischaffend als Metallbildhauer in Berlin tätig. Seit 1989 ist er auch schriftstellerisch tätig. Nachdem er sich zunächst auf Sachliteratur beschränkte, veröffentlicht er seit 1998 Lyrik und seit 2003 auch Kriminalromane. Gemeinsam mit seiner Frau Franziska verschickte er Mail Art aus der Choriner Straße 2 und später aus der Kollwitzstraße 71. Lutz Wierszbowski wurde 1955 in Berlin geboren. Er gehört streng genommen nicht in diese Aufzählung, weil er nur vor seiner Zeit als Mail Artist im Prenzlauer Berg gewohnt hat. Angeregt durch Joseph W. Huber verschickte er seine Postkunst dann aus der Brunnenstraße in Mitte und später noch von zwei weiteren Adressen im Friedrichshain. 1982/83 ging er Robert Rehfeldt als Drucker und Atelierhilfskraft zur Hand. Mitte der 1990er Jahre zog er von der Großstadt in die Nähe Greifswalds und eröffnete dort zehn Jahre später seine Sommerzeit-Produzentengalerie Kuhnstalle Willershusen. Mit seinem Linolschnitt von 1982 hat er das Sinnbild für die Mail Art made in GDR gefunden.


Abbildungen:

Lutz Wohlrab, Vorsicht Knst, Postkarte 1986.
Sal-Gerd Beyer, Plakat 1989.
Lutz Wierszbowski, Postkarte 1982.