Räume des Museumsverbundes Pankow,
Prenzlauer Allee 227/228,
10405 Berlin,
20.11.09

Zuerst Lob und Dank:
Mit dieser Ausstellung ist es ein weiteres Mal gelungen, die Deutungshoheit über unsere eigene Geschichte zurückzugewinnen, parallel zu Paul Kaisers Dresdner Ausstellung „Ohne uns“ und zu Alex Pehlemanns „Revue zum ehemaligen Underground in der DDR“ im Leipziger Centraltheater unter der Überschrift „Ihr habt es nicht anders gewollt“.
Eines fällt sofort ins Auge:
All die repräsentativ verschnittenen deutsch-deutschen Staatskunstausstellungen sind Retortenwesen. Sie leben nur in den Kulturschalen der kunsthysterischen Labore einiger West-Kollegen, die nach der Pluripotenz streben, über alle und alles Bescheid zu wissen. Frühzeitig verschafften sie sich Zugang zu den STASI-Akten und machten sich zu ungebetenen Hütern über Herrschaftswissen und Szenebewegungen, um Kapital zu schlagen aus ihrem Schnüffeltrieb. Einer hat es besonders weit gebracht: der „Heilige Eckhart“. Er bietet uns dieser Tage im Deutschen Historischen Museum seine weltweit vernetzten Kurzschlussverfahren als harmonisierende und alles mit allem verrührende Ereignisformen an, aus denen die Vielzelligkeit der diversen DDR-Szenen konsequent ausgeschlossen bleibt, die wir aber dennoch als schwarz-weiß nachgeschnittene DDR-Kunst-Realität akzeptieren sollen. Abstoßungsprobleme konnten nicht ausbleiben.

Bei Bert Papenfuß heißt es in „volxgewinsel laut dichtergesindel“:
wir zahlen’s euch heim, mit scheck
ohne gezänk, rhetorik & geschrei
auf’s auge, so ganz nebenbei

mit goldenen Worten, j.r. becher & brecht
mit einer subkultur neuen typus erst recht
mit schweren tischplatten, & zwar ungedeckt (1)

Wurden nach dem Ende der DDR durch ständige Musealisierung die alten Männer des Künstlerverbandes aufgesockelt und ihre Preise auf dem Kunstmarkt vergoldet, blieb den doppelt Ausgegrenzten nur das weitere Ringen mit den Zwängen, die manche »Schicksal« nennen und die andere nicht akzeptieren wollen.
Unvergessen bleibt Eckart Gillens Feinschliff an der Biografie Bernhard Heisigs und der Auftritt des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder anlässlich des 85. Geburtstages von Willi Sitte, der am 28. Februar 2006 in Merseburg gefeiert wurde. Im gleichen Rahmen fand die Eröffnung der Willi-Sitte-Galerie als Stiftung statt – zur zukünftigen Dauerfeier des Langzeitpräsidenten des Verbandes Bildender Künstler der DDR. Ihm und den enttäuschten Funktionären zur Ehre formulierte Schröder den verhängnisvollen Satz zur Ehrenrettung der Diktatur: den Sozialistischen Realismus habe "nicht das System Sitte aufgezwungen, sondern Sitte dem System". Zynischer und Tatsachen verdrehender kann man von hoher Warte aus kaum argumentieren. „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch“ (B.B.).
Warum sage ich das heute?
Es ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass das, wovon diese Ausstellung spricht, in Ablehnung des „vormundschaftlichen Staates“ und trotz seines Spitzel- und Überwachungsmonopols entstand.
Und dass diejenigen nicht unsere Freunde werden können, die statt kritischer Aufarbeitung der Geschichte der Literatur und Kunst in der DDR den Fratzen von damals die Füße küssen.
Ich halte es insofern auch für falsch, ehemaligen Schnüfflern nachträglich eine Kanzel zu bauen zur Eigentherapie ihres angeblichen Richard-Sorge-Komplexes, der doch nichts weiter ist als Lüge und Selbstbetrug. Der Film „Poesie des Untergrunds“ von Matthias Aberle tappt in Sascha Andersons Falle, die unglaublichen Produktionsbeziehungen des Prenzlauer Bergs als Anti-Haltung zu einem bloßen Katz- und Maus-Spiel kleinzureden mit dem Ziel, sich nachträglich zum tschekistischen Sieger und Super-Kommunisten zu stilisieren. So lustig war das Leben in Sachzwängen unter den Aufsichtsorganen nun wirklich nicht.
Der Film entwertet sich an wichtiger Stelle, weil er den Laberfluss Andersons nicht unterbricht und darauf verzichtet, die richtigen Fragen zu stellen. Im Vergleich dazu ist Claus Lösers neuer Film „Behauptung des Raums“ präziser und bohrender.
Wie auch immer. Jeder Film, jede Ausstellung kann nur ein Mosaiksteinchen sein bei der Rekonstruktion der weißen Flecken der DDR-Gegenkultur, die ein nicht-pyramidales und multipolares Gebilde war. Jeder lamentierte und erbrach sich auf seine Weise.
Nicht der Staat sollte uns damals formen, wir wollten Zeitgeist und unser persönliches Umfeld formen. Nicht anpassen – gestalten. Die Richtung lautete: permanent andersrum.
Elke Erb hat in klarer Freund-Feind-Unterscheidung bereits 1970/71 geschrieben: „Und das Werken war nicht Darstellen, Beschreiben, Erzählen, sondern Ändern. Gegen die Front des Falschen gerichtet, war die Werkstatt selbst Front.“ Und weiter: „Es war sehr aufregend, plötzlich vom Eigenen zu schreiben.“ (2)
Alles, was dieses Ausstellungslabyrinth bietet, sind lebendige Text-Bild-Ich-Bekenntnisse, damit die praktische und tatsächliche Abwendung von der Fremdbestimmung. Anpassung und Distanz gab es in mindestens zwei Generationen der DDR der 70er und 80er Jahre. Dass Elke Erb (geboren 1938) und Adolf Endler (geboren 1930) die Szene stützen, umgekehrt von den Jüngeren oft in Projekte einbezogen wurden, dass die Sprachhaltung das entscheidende Kriterium war, das trifft übrigens auch auf Autoren, die in den 40er Jahren geboren wurden, zu: auf Jochen Berg, Eberhard Häfner, Wolfgang Hilbig, Barbara Honigmann, Jürgen K. Hultenreich, Gerd Neumann, Brigitte Struzyk, Lothar Trolle und Bernd Wagner.
So wie die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins in den 80er Jahren Vorkriegs-, Nachkriegs- und Nach-Mauerbau-Jahrgänge umfasste, so mischten sich auch Stile und Formauffassungen.
Nicht nur eine Szene hinterließ im volkseigenen Kulturreservat ihre lebendige Ereignisspur, sondern viele verschiedene, die oft genug eine herzliche Abneigung verband. Annett Gröschner unterstreicht es: „Mein Prenzlauer Berg ist nicht Dein Prenzlauer Berg.“
Hier im Raum werden wir einer Facette ansichtig, und zwar der, die den Samisdat kreierte, das Wurzelgeflecht einer unabhängigen Zeitschriften- und Künstlerbuchproduktion, zu der darüber hinaus, Mail-Art-Verschickungen, Fotomappen, Musikcassetten, Super-8-Filme, Videoproduktionen und natürlich Lesungen, Diskurse, Ver- und Zersammlungen, Rockkonzerte, Performances, Aktionen, die Theateraufführungen von Zinnober und die Sessions der Keramik-Maler in der Werkstatt von Wilfriede Maaß gehören.

Es stimmt nicht, dass diese Szene nur von regionaler Bedeutung sei und man deshalb über sie hinweggehen könnte.

Ihre Verbindung mit anderen Zentren der DDR-Subkultur und ihre internationalen Verklammerungen (nicht zuletzt, weil ihre Kunst gesammelt und archiviert wurde, gerade auch in westlichen Bibliotheken), ist offenbar. Nichtsdestotrotz verkauft sich ein Ölschinken von der DDR-Parteitagsfront heute besser als diese Zeugnisse des ungebeugten Rückgrats. Aber lieber kondensiert am authentischen Ort als nationalgaleristisch blind untergemischt.

Wie lebendig die Szene noch heute ist, zeigt sich an der Inszenierung der Ausstellung – an den Wandtafeln von Igor Tatschke und Henryk Gericke etwa - und an den handschriftlichen Paneelbespannungen.

Sicherlich wäre die Ausstellung nicht so reich zu bestücken gewesen, hätte nicht Thomas Günther seinen umfangreichen Sammlungsbestand zur Verfügung gestellt. Dort findet sich auch eines der ältesten Stücke – eine Mappe, die 1980 von Jürgen Schweinebraden herausgegeben wurde anlässlich einer Video-Performance von Wolf Kahlen, der mit Tagespassierschein aus Westberlin herübergekommen war, um in Schweinebradens EP-Galerie aufzutreten. Die Mappe zeigt übermalte Fotos, die Jochen Melzian und Jürgen Schweinebraden gemacht haben, darüber hinaus die Übermalungen von A. R. Penck (kurz vor seiner Ausreise angefertigt), von Jürgen Böttcher-Strawalde, Thomas Ranft und Erhard Monden. Ein Leckerbissen für Kunstgenießer. Leider in der geschlossenen Mappe nicht wirklich zu sehen.

Das Zentrum der Ausstellung ist den Autoren vorbehalten. Im äußeren Kreis werden die Zeitschriften vorgestellt. Um das intermediale Element zu markieren, wurden Bilder, Skulpturen und Fotos dazwischen-geblendet. So entsteht ein Seh-Raum, der natürlich auch ein starker Leistungsbeweis ist für den DDR-Wild-Style der 80er Jahre, für expressiven Aufruhr, frechen Punk und witziges Salon-Barrikaden-kämpfertum. Von dieser Ausstellung geht, bei aller Bonsai-Formatierung, ein schneidendes Fortissimo aus, das mit Sicherheit für weitere Ansagen in der Zukunft reicht. Ein paar von uns leben ja noch.

Wer dachte, er kennte schon alles wird überrascht:
Völlig ungesehen ist das Gemeinschaftsbild „Drei Freunde“ von Volker Henze, Hans Scheib und Reinhard Stangl aus dem Jahr 1979. Außerdem ein Sporn von einem Porträt – „Elke Erb“ von Hans Scheib, aus den frühen 80ern.
Leicht zu übersehen und deshalb eines suchenden Blickes würdig: die Skizzen von Steffen Reck zu Zinnober.

Die Ausstellung ist kohärent, weil in ihr die Prinzipien von Sorgfalt und Detailgenauigkeit walten.
Wir können nur staunen über den permanenten Wachzustand der Autorinnen und Autoren, Künstlerinnen und Künstler, über ihre besondere Witterung für Sprache und ihren Erfahrungshunger.

In einem der Erklärungstexte heißt es: „Die Literatur und Kunst des Untergrunds äußerte sich nicht vordergründig politisch. Sie spielte mit Formalem, klinkte sich aus und zeichnete sich durch außerordentliche Offenheit ihrer Ansätze aus. Die daraus resultierende Unberechenbarkeit machte sie suspekt.“
Ich würde zuspitzen und sagen: sie hatte trotz allen Spieltriebs dauerhaft Lust auf die zeitgeschichtliche Auseinandersetzung, zeigte Mut zur Positionierung, der die Fähigkeit zur Revision einschloss.
Über einige böse Konflikte in der Hackordnung wollen wir den Mantel des Schweigens breiten.

Diese Meute konnte provozieren und begeistern und nach der Wende die Lebenslügen und Selbsttäuschungen der STASI-Spitzel erkennen. Aber auch nach 20 Jahren bleibt bei manchem ein bitterer Nachgeschmack zurück. Erst wenn Verständnis und Abgrenzung als einander gleichzeitig ergänzende und widersprechende Ebenen ineinander verschränkt sind, wird Ruhe einkehren.
Vernachlässigen wir nicht das Poetische während wir das Martialische pointieren.

Das Buch „Die Addition der Differenzen“, herausgegeben von Uwe Warnke und Ingeborg Quaas, unterfüttert die Ausstellung kongenial und ist informativ, gerade auch wegen seiner Bio-Bibliografien – eine tadellose Ergänzung zu den Standardwerken „Too much future“ und „Spannung Leistung Widerstand“, denen sich das Buch nicht ohne Grund im Format angeglichen hat. Zu 90% wurden die Texte für diesen Band frisch verfasst.

Christoph Tannert

 

 

(1) Bert Papenfuß: volxgewinsel laut dichtergesindel, in: Routine in der Romantik des Alltags, Gerhard Wolf Janus press, Berlin 1995 (mit Zeichnungen von Helge Leiberg), S. 40

(2) Elke Erb: Eine Nacht in einer einsamen Hütte (1970/71), in: Zug in der Luft – Eine Text- und Bildersammlung, Hg. Wilfried M. Bonsack, Bonsai-Typart Autorenverlag, Berlin 1990